Sind Menschen im Grunde gut – oder nur gutgläubig?
Ein nüchterner Blick auf Rutger Bregmans gleichnamiges Buch
Zynismus gilt als Realismus. Wer misstraut, wirkt klug. Wer vertraut, naiv. Rutger Bregman behauptet das Gegenteil: Der Zyniker liegt häufiger falsch. Nicht, weil Menschen Engel wären – sondern weil sie überwiegend kooperationsbereit sind. Das ist keine Moral, das ist Befund. Der Mensch ist kein egoistisches Raubtier, das mühsam gezähmt werden muss. Er ist ein soziales Wesen, evolutionär auf Vertrauen, Zusammenarbeit und Fairness ausgelegt. Fehleranfällig, ja. Aber nicht grundsätzlich verdorben.
Misstrauen fühlt sich intelligent an, verzerrt aber die Wirklichkeit. Unser Gehirn ist auf Gefahr gepolt, nicht auf Statistik. Eine negative Erfahrung wiegt schwerer als zehn positive. Wer vom Schlechten ausgeht, bekommt selten Korrektur. Vertrauen dagegen erzeugt Feedback. Man merkt, wenn man sich täuscht – und liegt insgesamt öfter richtig. Auch wirtschaftlich ist Kooperation kein Luxus. Die besten Systeme funktionieren dort am besten, wo Win-win möglich ist: Pflege, Bildung, Organisationen, sogar Strafvollzug. Nicht weil Menschen „nett“ sind, sondern weil Zusammenarbeit effizienter ist als Dauer-Konkurrenz.
Ein wichtiger Punkt bei Bregman wird oft überlesen: Er verharmlost Macht nicht. Im Gegenteil. Menschen sind kooperativ – und genau deshalb manipulierbar. Das Böse entsteht selten aus Sadismus, sondern aus Distanz, Hierarchien und Systemen, die Verantwortung verdünnen. Autoritäre Strukturen leben nicht von Monstern, sondern von Mitläufern. Bürokratien anonymisieren Schuld. Macht baut Empathie ab, nicht weil Menschen schlecht sind, sondern weil Systeme schlecht gestaltet sind.
Deshalb ist Bregmans Botschaft keine Einladung zur Naivität. Sie ist eine Forderung nach besseren Strukturen. Vertrauen ja – aber nie blind. Macht braucht Kontrolle. Nähe statt Abstraktion.
Transparenz statt Bevormundung. Zynismus schützt nicht vor Manipulation. Er erleichtert sie.
Bregman unterscheidet außerdem sauber zwischen Empathie und Mitgefühl. Empathie erschöpft, weil sie mitleidet. Mitgefühl hält Distanz, bleibt klar und handlungsfähig. Wer helfen will, darf nicht im Leid versinken. Verstehen heißt bei ihm nicht gutheißen. Man kann Menschen rational begreifen, ohne ihre Haltung zu teilen. Ohne diese Fähigkeit gibt es keine Gerechtigkeit, keine Konfliktlösung, keine Demokratie – nur Empörung. Problematisch wird unser Menschenbild auch durch Medien. Nachrichten und soziale Netzwerke leben vom Ausnahmefall und vom Negativen. Wer sich ständig informiert fühlt, sieht oft weniger Realität, nicht mehr. Distanz ist der Handlanger des Bösen. Nähe ist unbequem, aber korrigierend.
Und ja: Gutes Handeln wirkt weiter, als wir sehen. Nicht als Gefühl, sondern messbar. Freundlichkeit ist sozial ansteckend. Wer das Gute versteckt, nimmt ihm Wirkung. Am Ende geht es Bregman um einen neuen Realismus. Zynismus ist bequem. Er entschuldigt Rückzug und Härte. Vertrauen ist riskanter – aber produktiver. Oder kurz gesagt:
Wer glaubt, der Mensch sei schlecht, braucht sich über schlechte Zustände nicht zu wundern.