KI als kreatives Werkzeug: Reduziert sie den Wert eines Werkes?

Neulich zeigte ich jemandem ein Bild. Es zeigt einen Gitarristen in der Ästhetik eines klassischen Holzschnitts, die Gitarre über der Schulter, die freie Hand greift lässig nach einem Glas Wein. Schwarz-weiß, reduziert, mit diesem körnigen Charme, den man von Druckgrafiken kennt. Ein Bild für unseren kleinen Hobby-Weinladen, in dem gelegentlich Musik gespielt wird und was ich gerne verstärken möchte – Genuss trifft Kunst, sozusagen. Der Bekannte nickte, musterte das Bild einen Moment länger und sagte dann: „Das hat doch sicher die KI gemacht, oder?"

Nun muss man wissen: Der Bekannte weiß, dass ich mich beruflich mit künstlicher Intelligenz beschäftige. Er weiß auch, dass ich nicht gerade unter Zeitüberfluss leide. Die Kombination aus beidem führte ihn offenbar zu einer Schlussfolgerung, die er für naheliegend hielt. Und diese Schlussfolgerung kam nicht neutral daher. Sie hatte diesen leicht spöttischen Unterton, der sagt: Aha, also hast es eigentlich nicht du gemacht. Sondern die Maschine.

Ich hätte fragen können: Und wenn es so wäre – was genau wäre dann das Problem?

Aber ich war zu perplex. Nicht wegen des implizierten Vorwurfs, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er geäußert wurde. Als sei damit bereits alles gesagt. Als sei ein Werk, bei dessen Entstehung eine künstliche Intelligenz beteiligt war, automatisch weniger wertvoll, weniger echt, weniger von mir.

Die Sache mit dem Stift

Denken wir das einmal zu Ende. Wenn ich ein Bild mit einem Bleistift zeichne, käme niemand auf die Idee zu sagen: „Das hat ja der Stift gemacht." Wenn ich eine Fotografie aufnehme – sagen wir, mit einer hochwertigen Spiegelreflexkamera, die automatisch Belichtung und Fokus justiert –, würde niemand behaupten: „Das ist kein Kunstwerk, das hat ja nur die Kamera gemacht." Im Gegenteil: Man würde mir vielleicht sogar gratulieren zu meinem guten Auge, meinem Gespür für den richtigen Moment.

Warum also dieser Reflex bei der KI?

Die Kamera ist ein Werkzeug. Der Stift ist ein Werkzeug. Die Druckerpresse, mit der Dürer seine Holzschnitte vervielfältigte, war ein Werkzeug. Der Computer, auf dem ich diesen Text schreibe, ist ein Werkzeug. Und ja: Die künstliche Intelligenz ist ebenfalls ein Werkzeug. Ein neuartiges, ein mächtiges, eines, das wir noch nicht ganz einzuordnen wissen. Aber eben doch: ein Werkzeug.

Der Unterschied, so die landläufige Meinung, sei, dass die KI selbst kreativ ist. Sie malt ja quasi das Bild. Sie schreibt ja quasi den Text. Der Mensch drückt nur noch auf den Knopf. Aber stimmt das eigentlich?

Die Anatomie einer Bildentstehung

Nehmen wir das besagte Bild vom Gitarristen. Die Geschichte seiner Entstehung geht so:

Ich hatte eine Idee. Genauer gesagt: Ich hatte ein Problem. Der Weinladen brauchte ein Schild, das Musik und Genuss verbindet. Etwas Quadratisches, etwas Stilvolles, etwas, das die Atmosphäre einfängt, ohne plakativ zu wirken. In meinem Kopf entstand ein Bild: ein Musiker, entspannt, die Gitarre geschultert, ein Glas Wein in der Hand. Nicht als Fotografie – das wäre zu banal geworden –, sondern in der Ästhetik alter Druckgrafiken. Linolschnitt. Holzschnitt. Diese reduzierte Eleganz, die aus der Beschränkung auf Schwarz und Weiß entsteht.

Soweit die Idee. Nun zur Umsetzung.

Ich recherchierte Referenzbilder. Dutzende von Druckgrafiken, die dem nahekamen, was mir vorschwebte. Diese Bilder ließ ich von der KI analysieren, um einen Prompt zu entwickeln – also jene textliche Beschreibung, die dem Bildgenerator sagt, was er produzieren soll. Das ist keine Kleinigkeit. Ein guter Prompt ist wie ein gutes Briefing an einen Illustrator: präzise genug, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, offen genug, um Raum für interessante Variationen zu lassen.

Die ersten Ergebnisse waren – nun ja – Annäherungen. Der Gitarrist hielt das Weinglas falsch. Die Proportionen stimmten nicht. Der Holzschnitt-Stil war zu glatt, zu digital. Also: Anpassungen. Neue Versuche. Korrekturen. Irgendwann, nach etlichen Iterationen, kam etwas heraus, das meiner Vorstellung entsprach.

Aber damit war es nicht getan. Das Dateiformat, das aus solchen Generatoren kommt, ist für den Druck ungeeignet. Also: Import in Photoshop. Nachbearbeitung. Kontraste anpassen. Details schärfen. Dann: Hochskalierung mit einem spezialisierten Tool, um die nötige Auflösung für einen Druck von siebzig Zentimetern zu erreichen. Schließlich: Beauftragung der Druckerei, Auswahl des Leinwandmaterials, Kontrolle des Endprodukts.

Die Frage ist nun: An welcher Stelle genau hat „die KI" dieses Bild gemacht?

Die kontrafaktische Variante

Stellen wir uns vor, ich hätte es traditionell gemacht. Ich hätte eine Linolplatte gekauft. Hätte meine Idee darauf skizziert, vermutlich eine Vorlage projiziert. Hätte dann mit dem Stichel Stunde um Stunde Material abgetragen, um die Negativform zu schaffen. Hätte mir eine Druckpresse besorgt oder Zugang zu einer organisiert. Hätte experimentiert mit Druckfarben und Papieren. Hätte etliche Fehlversuche produziert, bis einer meinen Vorstellungen entspräche. Hätte diesen dann vielleicht auf einen Keilrahmen gezogen.

Das Ergebnis wäre vermutlich ähnlich aussehend gewesen. Vielleicht sogar identisch – wenn ich gut genug gewesen wäre. Der Prozess hätte Wochen gedauert statt Stunden. Er hätte mehr körperliche Arbeit erfordert, mehr handwerkliches Geschick, mehr Material, mehr Geld.

Aber wäre das Ergebnis mehr meines gewesen?

Die Idee wäre dieselbe gewesen. Die ästhetische Entscheidung für den Holzschnitt-Stil wäre dieselbe gewesen. Die Komposition – Musiker, Gitarre, Weinglas – wäre dieselbe gewesen. Die finale Beurteilung, ob das Ergebnis gelungen ist oder nicht, wäre dieselbe gewesen. Der einzige Unterschied: das Werkzeug.

Vom Schreiben und Dichten

Was für Bilder gilt, gilt ebenso für Texte. Nur ist der Mechanismus hier vielleicht noch subtiler.

Nehmen wir an, ich wache nachts auf. Eine Zeile geistert mir durch den Kopf, ein Gedankenfetzen, der sich reimt oder rhythmisch ist oder einfach nur schön klingt. Ich schreibe ihn auf, schlafe wieder ein. Am nächsten Morgen sitze ich am Schreibtisch und forme aus diesem Fetzen ein Gedicht. Ich probiere Varianten, streiche Wörter, ersetze Reime, feile an der Metrik. Nach einigen Stunden – oder Tagen – ist es fertig. Ein Gedicht. Mein Gedicht.

Jetzt die Alternative: Ich wache auf, notiere den Gedankenfetzen, schlafe wieder ein. Am nächsten Morgen öffne ich ein KI-Tool und sage: Hier sind meine nächtlichen Notizen. Schreibe mir verschiedene Varianten eines Gedichts, das von dieser Idee ausgeht, in diesem ungefähren Stil. Das Tool produziert fünf, sechs Vorschläge. Ich lese sie durch. Einer gefällt mir besonders gut, aber die dritte Strophe ist schwach, und das Ende überzeugt mich nicht. Also: Anpassungen. Umformulierungen. Vielleicht noch eine Runde mit der KI, vielleicht von Hand. Am Ende steht ein Text, der mich zufriedenstellt.

Ist das zweite Gedicht weniger mein Gedicht als das erste?

Die Ursprungsidee kam von mir. Die nächtliche Inspiration, die mich überhaupt erst zum Schreiben brachte, kam von mir. Die ästhetischen Kriterien, nach denen ich die Vorschläge beurteilte, kamen von mir. Die Entscheidung, welche Variante ich weiterverfolge, kam von mir. Die finalen Änderungen kamen von mir. Die Verantwortung für das Endergebnis liegt bei mir.

Was genau hat die KI getan? Sie hat mir Optionen gezeigt. Sie hat mir Arbeit abgenommen, die ich auch hätte selbst machen können – nur langsamer und mit mehr Mühe. Sie hat mir geholfen, meine eigene Idee zu realisieren. Das ist, wenn man so will, die Definition eines Werkzeugs.

Das Sachbuch-Experiment

Noch ein Gedankenspiel. Stellen wir uns vor, ich schreibe ein Sachbuch. Ich bin Experte auf meinem Gebiet, habe jahrelange Erfahrung, kenne die Literatur, habe eigene Erkenntnisse gewonnen, die ich teilen möchte.

Der traditionelle Weg: Ich setze mich an den Schreibtisch und schreibe. Kapitel für Kapitel. Recherchiere, zitiere, formuliere um, streiche, ergänze. Nach Monaten oder Jahren ist ein Manuskript fertig. Ein Lektor liest es, macht Anmerkungen. Ich überarbeite. Irgendwann geht es in den Druck.

Der zeitgemäße Weg: Ich sitze im Auto und spreche meine Gedanken in ein Aufnahmegerät. Nicht druckreif, sondern so, wie man denkt: mäandernd, assoziativ, mit Abschweifungen und Wiederholungen. Diese Aufnahme wird transkribiert. Das Transkript nehme ich als Grundlage und gebe es der KI mit dem Auftrag: Forme aus diesen Gedanken ein strukturiertes Kapitel. Ergänze fehlende Übergänge. Achte auf Verständlichkeit.

Das Ergebnis ist ein Entwurf. Ich lese ihn, korrigiere Fehler, ergänze eigene Quellen aus meiner Fachbibliothek, streiche, was nicht stimmt oder nicht zu mir passt. Vielleicht lasse ich am Ende noch ein KI-Tool über den gesamten Text laufen, das mir – wie ein digitaler Lektor – Inkonsistenzen und Schwachstellen zeigt. Die setze ich um oder verwerfe sie, je nachdem.

Am Ende steht ein Buch. Ist es mein Buch?

Ich behaupte: ja. Die Expertise ist meine. Das Wissen ist meines, angeeignet über Jahre. Die Struktur, die ich dem Material gebe, entspringt meinem Verständnis des Themas. Die Qualitätskontrolle liegt bei mir. Die Entscheidung, wann etwas gut genug ist, um veröffentlicht zu werden, treffe ich.

Die KI hat mir bei der Handwerksarbeit geholfen. Nicht anders als ein Diktiergerät. Nicht anders als eine Rechtschreibprüfung. Nicht anders als ein menschlicher Assistent, der meine Notizen abtippt und in Form bringt.

Was die Forschung sagt

Nun könnte man einwenden: Das sind subjektive Einschätzungen. Gefühle. Rationalisierungen eines Menschen, der sein eigenes Tun rechtfertigen will. Also schauen wir, was die Wissenschaft dazu sagt.

Die Kreativitätsforschung hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Menschen und KI-Systeme zusammenarbeiten. Eine Metaanalyse von Wadinambiarachchi und Kollegen aus dem Jahr 2024 untersuchte 52 Studien zur sogenannten co-creativity – also zur gemeinsamen Kreativität von Mensch und Maschine.

Das Ergebnis ist aufschlussreich: Die Studien zeigen, dass KI-Werkzeuge die kreative Leistung von Menschen nicht etwa ersetzen, sondern erweitern. Sie ermöglichen es, schneller zu experimentieren, mehr Varianten zu erkunden, Sackgassen früher zu erkennen. Sie senken die Einstiegshürden für Menschen, die keine formale Ausbildung in einer kreativen Disziplin haben. Sie demokratisieren, wenn man so will, den Zugang zu kreativen Ausdrucksformen.

Gleichzeitig zeigen die Studien, dass die menschliche Rolle keineswegs überflüssig wird. Im Gegenteil: Die Qualität der Ergebnisse hängt entscheidend davon ab, wie gut der Mensch das Werkzeug zu nutzen versteht. Wer keine klare Vorstellung hat, was er erreichen will, bekommt auch mit der besten KI nur Mittelmaß. Wer hingegen weiß, was er will, und die Fähigkeit besitzt, die Maschine entsprechend anzuleiten, kann Ergebnisse erzielen, die er allein nicht erreicht hätte.

Das ist, nebenbei bemerkt, kein neues Phänomen. Als die Fotografie erfunden wurde, prophezeiten Kritiker das Ende der Malerei. Stattdessen befreite sie die Malerei von der Pflicht zur Abbildung und ermöglichte Impressionismus, Expressionismus, Abstraktion. Als der Synthesizer aufkam, fürchteten Musiker um ihre Existenz. Stattdessen entstanden völlig neue Genres, von Ambient bis Techno. Die Geschichte der Kreativität ist eine Geschichte der Werkzeuge, die sie erweitern.

Die Frage der Autorenschaft

Aber wem gehört das Werk? Das ist keine triviale Frage, rechtlich wie philosophisch. Wenn ein Bildgenerator trainiert wurde auf Millionen von Werken anderer Künstler – reproduziert er dann nicht deren Stil, deren Ideen, deren Arbeit? Die Antwort ist: ja und nein.

Ja, weil jede Kreation auf dem aufbaut, was vorher da war. Kein Künstler arbeitet im luftleeren Raum. Picasso lernte von Cézanne, der von den Impressionisten lernte, die von den Realisten lernten. Jeder Text, den ich schreibe, ist beeinflusst von allem, was ich je gelesen habe. Originalität, so der Aphorismus, ist die Kunst, seine Quellen zu verbergen.

Nein, weil das, was am Ende herauskommt, dennoch etwas Neues ist. Ein Bild, das so vorher nicht existierte. Ein Text, der so vorher nicht geschrieben wurde. Eine Kombination von Elementen, die in dieser Form einzigartig ist.

Die rechtliche Debatte darüber, wem solche Werke gehören und wer dafür haftet, ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber die kreative Frage – ist es mein Werk? – lässt sich, glaube ich, schon heute beantworten.

Mein Werk ist es, wenn ich die Idee hatte. Wenn ich die ästhetischen Entscheidungen getroffen habe. Wenn ich die Qualitätskontrolle übernommen habe. Wenn ich am Ende sage: Ja, das ist es. Das entspricht meiner Vorstellung. Dafür stehe ich mit meinem Namen.

Das Werkzeug, das ich benutzt habe, um dorthin zu kommen, ist dabei sekundär. Es ist der Stift, nicht der Autor. Die Kamera, nicht der Fotograf. Die Maschine, nicht der Schöpfer.

Die eigentliche Frage

Vielleicht ist die Empörung über KI-generierte Kunst weniger eine ästhetische als eine soziale Frage. Was uns irritiert, ist nicht das Ergebnis. Es ist die gefühlte Leichtigkeit, mit der es erzielt wurde. Wir haben gelernt, dass gute Kunst Mühe kosten muss. Dass Leiden dazugehört. Dass, wer nicht jahrelang übt, auch nicht spielen darf.

Die KI untergräbt diese Überzeugung. Sie zeigt uns, dass Ergebnisse, die früher Wochen brauchten, jetzt in Minuten möglich sind. Das fühlt sich unfair an. Wie Mogeln. Wie eine Abkürzung, die eigentlich verboten sein sollte. Aber wer sagt, dass Leiden eine Voraussetzung für Kunst ist?

Die Idee, dass Kunst aus Schmerz entstehen muss, ist selbst historisch gewachsen – ein Produkt der Romantik, des Geniekults, der Vorstellung, dass wahre Kreativität nur in der Einsamkeit des Dachkämmerlein gedeiht. Sie ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht die einzige Wahrheit.

Kunst kann auch aus Spielfreude entstehen. Aus Neugier. Aus dem Wunsch, etwas auszuprobieren, zu experimentieren, zu sehen, was passiert, wenn man dies mit jenem kombiniert. Und wenn ein Werkzeug uns dabei hilft, schneller und müheloser zu spielen – warum sollten wir es nicht nutzen?

Ein vorläufiges Fazit

Das Bild vom Gitarristen hängt in Kürze an der Wand des Weinladens. Ich finde es sieht gut aus. Es gibt Leute, die mögen es, andere nicht. Manche werden fragen, woher es stammt. Und ich werde sage: von mir. Das ist keine Lüge. Es ist auch keine Übertreibung. Es ist die Wahrheit. Die Idee war meine. Die ästhetische Entscheidung war meine. Die Qualitätskontrolle war meine. Dass ich ein digitales Werkzeug benutzt habe, um die Idee zu realisieren, macht sie nicht weniger meine. Genauso wenig, wie die Nutzung einer Kamera meine Fotografien weniger meine macht. Oder die Nutzung eines Computers meine Texte weniger meine.

Die künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug. Ein mächtiges, ein faszinierendes, eines, das wir noch lange nicht vollständig verstanden haben. Aber eben doch: ein Werkzeug. In den Händen von Menschen, die etwas zu sagen haben, kann es Großartiges ermöglichen. In den Händen von Menschen, die nichts zu sagen haben, produziert es Beliebigkeit. Das war schon immer so. Mit jedem Werkzeug. Seit der erste Mensch mit Kohlestiften Tiere an eine Höhlenwand malte.

Die Respektlosigkeit gegenüber Menschen, die KI als kreatives Werkzeug nutzen, ist also nicht nur unangebracht. Sie verkennt, was Kreativität eigentlich ist: nicht die Bedienung eines bestimmten Werkzeugs, sondern die Fähigkeit, etwas Neues zu denken, zu wollen, zu beurteilen. Das kann keine Maschine. Noch nicht jedenfalls. Und bis dahin ist die Frage nicht, ob KI die Kreativität ersetzt. Sondern was wir mit ihr anfangen.

 

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