Wer schreibt hier eigentlich – ich oder die KI?
Es wird gerade wieder intensiv darüber diskutiert, wie KI-generierte Inhalte kenntlich gemacht werden können. Claude geht dabei einen interessanten Weg: Künftig sollen Texte technisch so markiert werden können, dass sich die Beteiligung der KI auch dann noch erkennen lässt, wenn der Text einfach kopiert und an anderer Stelle eingefügt wurde. Das hat mich zu einer ganz anderen Frage gebracht: „Wann ist ein Text eigentlich KI-generiert?“ Ich kann diese Frage nicht allgemeingültig beantworten. Aber ich kann erklären, wie viele Texte auf dieser Website und auch Beiträge von mir in sozialen Medien entstehen. Dann kann jeder selbst entscheiden, was er davon hält.
Am Anfang steht bei mir normalerweise kein Prompt, sondern ein Gedanke.
Mir fällt beim Autofahren, beim Spazierengehen oder bei der Arbeit etwas auf. Eine Beobachtung, eine Frage, manchmal auch ein Widerspruch zu etwas, das ich gelesen oder gehört habe. Früher hätte ich mir vielleicht eine Notiz gemacht – und sehr viele dieser Gedanken wären irgendwann zwischen anderen Notizen verschwunden. Heute spreche ich sie häufig einfach ins Smartphone. Manchmal sind das fünf Minuten, manchmal zwanzig. Noch kein fertiger Artikel, sondern erst einmal meine Gedanken, so wie sie gerade entstehen.
Diese gesprochenen Texte lasse ich transkribieren. Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Ich diskutiere den Gedanken mit einer KI. Ich lasse meine Annahmen hinterfragen, suche nach Gegenargumenten und lasse zu einzelnen Punkten recherchieren. Dazu kommen meine eigenen Recherchen, Quellen, Erfahrungen und weitere Gedanken. Manches fliegt dabei wieder raus, anderes kommt hinzu. Manchmal verändert sich dabei sogar meine ursprüngliche Position.
Irgendwann ist genügend Substanz vorhanden. Dann lasse ich aus diesem Material einen Artikel erstellen. Und ja: Dabei übernimmt die KI auch einen Teil der Formulierungsarbeit. Das wäre albern zu verschweigen. Ich bin eine One-Man-Show und hätte schlicht nicht die Zeit, jeden Gedanken, jede Recherche und jeden Beitrag anschließend noch stundenlang von Grund auf auszuformulieren.
Hinzu kommt etwas Interessantes: Die KI arbeitet nicht mit irgendeinem beliebigen Schreibstil. Ich habe ziemlich klare Vorstellungen davon, wie meine Texte klingen sollen und wie nicht. Diese Regeln habe ich in der Personalisierung hinterlegt und im Laufe der Zeit immer weiter geschärft. Die KI orientiert sich also bei der Ausarbeitung an meiner Art zu schreiben. Trotzdem hat sie die konkreten Sätze erzeugt. Also: Ist das nun mein Text oder ein KI-generierter Text?
Ich finde die einfache Unterscheidung zunehmend unbrauchbar. Denn es macht für mich einen erheblichen Unterschied, ob ich einer KI sage: „Schreib mir einen interessanten Artikel über die Zukunft kleiner Unternehmen.“ Oder ob ich mit einem eigenen Gedanken beginne, zehn Minuten darüber spreche, meine Erfahrungen einbringe, recherchiere, mit der KI darüber diskutiere, Argumente verwerfe und andere weiterentwickle und aus diesem Material schließlich einen Artikel erstellen lasse, den ich anschließend prüfe und für dessen Aussagen ich einstehe. mIm ersten Fall liefert die KI im Wesentlichen Inhalt und Form. Im zweiten Fall ist sie Teil meines Arbeitsprozesses.
Natürlich könnte ich auf diese Form der Arbeit verzichten. Vielleicht gibt es ohnehin schon viel zu viel Text auf der Welt. Wir brauchen ganz sicher nicht noch mehr automatisch erzeugte Artikel, die nur deshalb existieren, weil eine Maschine innerhalb weniger Sekunden 1.500 Wörter produzieren kann. Aber genau deshalb möchte ich auf meine Arbeitsweise nicht verzichten.
Denn ich glaube, dass dadurch auch Texte entstehen, die es sonst nicht gegeben hätte. Nicht weil mir die Gedanken dazu gefehlt hätten, sondern weil mir schlicht die Zeit gefehlt hätte, jeden davon zu recherchieren, zu strukturieren und vollständig auszuformulieren.
Für mich liegt deshalb die entscheidende Grenze an einer anderen Stelle: „Gab es zuerst einen Gedanken – oder zuerst den Wunsch, Content zu produzieren?“ Wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe und eine KI beauftrage, mir trotzdem einen Artikel zu schreiben, brauche ich diesen Artikel vermutlich nicht.
Wenn mich dagegen eine Frage beschäftigt, ich eine Beobachtung gemacht habe oder etwas aus meiner Arbeit und Erfahrung weitergeben möchte, dann sehe ich keinen vernünftigen Grund, auf ein Werkzeug zu verzichten, das mir hilft, diesen Gedanken weiterzuentwickeln und daraus einen lesbaren Text zu machen. Entscheidend ist für mich am Ende nicht, ob ich jeden einzelnen Satz selbst in die Tastatur getippt habe.
Entscheidend ist: „Sind es Gedanken, mit denen ich mich tatsächlich beschäftigt habe? Habe ich geprüft, was dort steht? Würde ich die Aussagen auch in einem persönlichen Gespräch vertreten? Und übernehme ich dafür die Verantwortung?“ Wenn ich diese Fragen mit Ja beantworten kann, veröffentliche ich den Text.
Auch wenn eine KI daran mitgearbeitet hat. Und jetzt kann jeder selbst entscheiden, was er davon hält.