„Wahrheit ist, was den Test der Erfahrung besteht.“

Der Satz stammt tatsächlich von Albert Einstein. Er schrieb ihn 1950 in seinem Text „The Laws of Science and the Laws of Ethics“. Gemeint ist damit zunächst ein ziemlich grundlegender Gedanke: Eine Theorie über die Wirklichkeit wird nicht dadurch wahr, dass sie einleuchtend klingt, logisch aufgebaut ist oder von vielen Menschen geglaubt wird. Sie muss sich an der Wirklichkeit messen lassen.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn sobald man diesen Gedanken aus der Wissenschaft in unseren Alltag überträgt, stößt man auf ein Problem: Auch Erfahrungen können uns täuschen. Vor allem dann, wenn wir schon vorher ziemlich genau wissen, was wir gerne bestätigt hätten.

Wenn das Vorurteil scheinbar recht bekommt

Nehmen wir bewusst ein ganz simples Beispiel. Ich habe das Vorurteil: „Alle Bodybuilder sind aggressiv und dumm.“ (Hab ich natürlich nicht, ist ein Beispiel!)

Dann begegne ich einem Bodybuilder, der sich mir gegenüber tatsächlich aggressiv verhält und auch noch ziemlich dumme Dinge sagt. Meine Reaktion könnte sein: „Na also. Habe ich doch gewusst.“ Nur habe ich damit eigentlich gar nichts gewusst. Ich habe einen Menschen erlebt, auf den mein Vorurteil zutrifft. Mehr nicht. Daraus kann ich nicht schließen, dass es auf alle Bodybuilder zutrifft. Das klingt banal, ist aber wichtig. Denn unser Kopf macht genau diesen Fehler erstaunlich gerne. Eine Beobachtung passt zu dem, was wir ohnehin glauben – und schon bekommt sie ein besonderes Gewicht.

Interessanterweise funktioniert es in der Gegenrichtung ganz anders. Wenn ich nämlich einem Bodybuilder begegne, der ausgesprochen friedfertig, gebildet und reflektiert ist, reicht dieser eine Mensch bereits aus, um zumindest die absolute Aussage „Alle Bodybuilder sind aggressiv und dumm“ zu widerlegen. Hundert passende Beispiele beweisen die Aussage also noch nicht. Ein einziges eindeutiges Gegenbeispiel reicht dagegen aus, um das Wort „alle“ zu Fall zu bringen. Damit sind wir ziemlich schnell bei Karl Popper.

Vielleicht sollten wir weniger nach Bestätigung suchen

Popper hat den Gedanken der Überprüfung noch einmal verschärft. Vereinfacht gesagt: Eine wissenschaftliche Theorie lässt sich durch Beobachtungen nicht endgültig als wahr beweisen. Interessanter ist vielmehr, ob sie überhaupt scheitern kann. Eine gute Behauptung über die Wirklichkeit muss also ein Risiko eingehen. Sie muss sagen können: Wenn dieses oder jenes beobachtet wird, dann war meine Annahme falsch. Genau darin liegt ein ziemlich großer Unterschied zu vielen Alltagsüberzeugungen.

Bleiben wir beim Bodybuilder. Die Aussage „Alle Bodybuilder sind aggressiv“ lässt sich leicht widerlegen. Ein nicht aggressiver Bodybuilder genügt. Die Aussage „Bodybuilder sind häufiger aggressiv als andere Menschen“ ist dagegen etwas ganz anderes. Sie könnte stimmen oder falsch sein, aber wir müssten sie untersuchen. Dazu bräuchten wir nicht jeden Bodybuilder der Welt, wohl aber eine brauchbare Stichprobe, eine Vergleichsgruppe und vor allem eine vernünftige Definition dessen, was wir überhaupt unter Aggressivität verstehen.

Unsere Begegnung mit einem einzigen unangenehmen Menschen reicht dafür jedenfalls nicht.

So funktionieren Vorurteile erstaunlich gut

Das eigentliche Problem beginnt dort, wo wir unsere Überzeugung bereits mitbringen. Wenn ich Bodybuilder ohnehin für aggressiv halte, bleibt mir der unangenehme Bodybuilder vermutlich besonders gut im Gedächtnis

„Typisch.“

Der freundliche Bodybuilder bekommt dagegen vielleicht eine andere Schublade.

„Der ist halt eine Ausnahme.“

Damit haben wir ein wunderbares System gebaut, um unser Vorurteil dauerhaft zu erhalten. Alles, was dazu passt, bestätigt es. Alles, was nicht dazu passt, wird zur Ausnahme erklärt. Und genau das begegnet uns nicht nur bei solchen harmlosen Vorurteilen. Der Mechanismus funktioniert auch bei politischen Überzeugungen, bei Verschwörungserzählungen und bei Fake News.

Wenn eine Behauptung gar nicht mehr falsch sein kann

Nehmen wir jemanden, der überzeugt ist: „Die Medien lügen grundsätzlich.“ Nun macht eine Zeitung einen Fehler. Sofort lautet die Reaktion: „Siehst du. Genau das sage ich doch.“ Findet sich dagegen eine sauber recherchierte Geschichte mit nachvollziehbaren Quellen und überprüfbaren Fakten, löst das das Problem noch lange nicht. Dann kann die Erklärung lauten: „Das machen sie nur, damit es glaubwürdig aussieht.“ Damit ist etwas Entscheidendes passiert. Die Behauptung kann praktisch gar nicht mehr widerlegt werden.

Wenn die Medien einen Fehler machen, bestätigt das die Theorie. Wenn sie keinen Fehler machen, bestätigt das ebenfalls die Theorie. Jede mögliche Beobachtung wird passend gemacht. Genau hier würde ich Einsteins Satz heute etwas ergänzen. Nicht nur:

„Welche Erfahrung bestätigt meine Ansicht?“

Sondern vor allem:

„Welche Erfahrung würde mich davon überzeugen, dass ich falschliege?“

Diese Frage halte ich inzwischen für wesentlich interessanter.

Die Frage muss allerdings auch für einen selbst gelten

Der bequeme Teil wäre jetzt, diese Frage nur den anderen zu stellen. Nehmen wir die Diskussion über den Klimawandel. Wer den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich bestreitet, müsste sagen können, welche Beobachtungen oder Messreihen ihn dazu bringen würden, seine Einschätzung zu ändern.

Wenn die Antwort lautet: „Keine, denn die Wissenschaftler sind ohnehin gekauft und die Daten manipuliert“, dann ist die Diskussion eigentlich beendet. Nicht weil damit bewiesen wäre, dass die Person falschliegt, sondern weil ihre Überzeugung nicht mehr überprüfbar ist. Aber genau dieselbe intellektuelle Redlichkeit müssen wir auch von uns selbst verlangen.

Wenn ich in einem extrem trockenen Sommer auf meine ausgedörrten Wiesen schaue und sage: „Damit ist der Klimawandel endgültig bewiesen“, mache ich ebenfalls einen Fehler. Ein einzelner trockener Sommer ist zunächst Wetter. Auch außergewöhnliche Dürren hat es früher gegeben. Interessant wird es erst, wenn sich über lange Zeiträume Veränderungen zeigen. Wenn Temperaturen steigen, Trockenperioden häufiger oder länger werden, Niederschlagsmuster sich verändern und unterschiedliche Messreihen dasselbe Bild ergeben. Das ist weniger eindrucksvoll als der vertrocknete Baum vor der Haustür. Aber wissenschaftlich ist es sehr viel aussagekräftiger.

Persönliche Erfahrung ist nicht dasselbe wie wissenschaftliche Erfahrung

Hier steckt vielleicht das größte Missverständnis in Einsteins Satz. Mit „Erfahrung“ ist nicht einfach gemeint: „Ich habe es selbst gesehen, also stimmt es.“ Das wäre als Wahrheitskriterium ziemlich schwach. Menschen sehen unterschiedliche Dinge, erinnern sich unterschiedlich daran und interpretieren dieselbe Situation oft völlig verschieden.

Wissenschaft versucht deshalb gerade, persönliche Erfahrung zu überwinden. Beobachtungen sollen wiederholbar sein. Messmethoden sollen nachvollziehbar sein. Andere sollen überprüfen können, ob sie zum selben Ergebnis kommen.

Auch Einstein ging nicht davon aus, dass wissenschaftliche Theorien einfach aus Beobachtungen herausfallen. Im Gegenteil: Theorien sind zunächst geistige Konstruktionen. Wir entwickeln eine Erklärung, ziehen daraus Folgerungen und schauen dann, ob diese Folgerungen der Wirklichkeit standhalten. Erfahrung ist also die Kontrollinstanz, nicht unbedingt der Ursprung unserer Ideen.

Das finde ich gerade für unseren heutigen Umgang mit Informationen wichtig. Denn wir haben selbstverständlich alle unsere Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert. Das Problem ist nicht, solche Vorstellungen zu haben. Das Problem beginnt, wenn wir nicht mehr zulassen, dass die Wirklichkeit ihnen widerspricht.

Auch eine Theorie, die lange funktioniert, muss nicht endgültig wahr sein

Ein weiterer Punkt gehört dazu. Eine Theorie kann sich sehr lange bewähren und trotzdem später korrigiert oder erweitert werden. Das ist keine Schwäche der Wissenschaft, sondern gerade eine ihrer Stärken. Popper war an diesem Punkt strenger als Einstein. Für ihn bedeutet eine erfolgreiche Prüfung nicht: Jetzt wissen wir, dass die Theorie wahr ist. Sie bedeutet lediglich: Bislang ist es uns nicht gelungen, sie zu widerlegen.

Das mag nach philosophischer Haarspalterei klingen, macht aber einen großen Unterschied. „Nach allem, was wir derzeit wissen, ist diese Erklärung sehr gut belegt“ ist eine starke Aussage. „Damit kennen wir endgültig die Wahrheit“ ist etwas völlig anderes. Wissenschaftliche Erkenntnis bleibt grundsätzlich korrigierbar. Genau das unterscheidet sie von einem Glaubenssatz, der sich unter keinen Umständen ändern darf.

Ganz so einfach ist es trotzdem nicht

Man darf Einsteins Satz allerdings auch nicht zur universellen Wahrheitsmaschine erklären. Mathematik funktioniert beispielsweise anders. Dass zwei plus zwei vier ergibt, überprüfen wir nicht durch jahrelange Feldversuche. Mathematische Aussagen ergeben sich innerhalb formaler Systeme aus Definitionen, Regeln und logischen Ableitungen.

Auch moralische Fragen lassen sich nicht einfach durch Erfahrung entscheiden. Aus der Beobachtung, dass Menschen sich auf eine bestimmte Weise verhalten, folgt nicht automatisch, dass dieses Verhalten richtig ist. Und selbst unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist nicht vollkommen neutral. Schon die Entscheidung, was wir messen, hängt davon ab, welche Fragen wir stellen. Unsere Messinstrumente beruhen wiederum auf Theorien darüber, was überhaupt gemessen werden soll. Erfahrung kommt also nie völlig ohne Voraussetzungen aus. Das macht empirische Prüfung nicht wertlos. Es bedeutet lediglich, dass auch sie kritisch betrachtet werden muss.

Was bleibt davon für den Alltag?

Für mich lässt sich aus dem Gedanken von Einstein und seiner Zuspitzung durch Popper eine ziemlich praktische Regel ableiten. Wenn ich von etwas überzeugt bin, sollte ich nicht zuerst die Beispiele sammeln, die mir recht geben. Die finde ich fast immer. Ich sollte bewusst nach dem suchen, was meiner Überzeugung widerspricht. Und dann sollte ich mir eine unangenehme Frage stellen:

Was müsste passieren, damit ich bereit wäre zu sagen: Ich habe mich geirrt?

Vielleicht wäre das sogar eine brauchbare kleine Prüfung für viele Diskussionen: Ist meine persönliche Erfahrung überhaupt groß genug, um daraus eine allgemeine Aussage abzuleiten? Gibt es unabhängige Beobachtungen oder Daten? Was spricht gegen meine Annahme? Und behandle ich widersprechende Informationen wirklich genauso ernst wie die, die mir recht geben?

Das Problem ist nicht der Irrtum

Wir alle irren uns. Ständig. Experten irren sich. Journalisten irren sich. Wissenschaftler irren sich. Politiker irren sich. Und natürlich irren wir selbst uns auch. Daran ist zunächst nichts Besonderes. Gefährlich wird es erst, wenn wir unsere Überzeugungen so bauen, dass wir einen Irrtum gar nicht mehr erkennen können. Wenn jede Bestätigung als Beweis gilt und jeder Widerspruch zur Ausnahme, Manipulation oder Lüge erklärt wird, hat die Wirklichkeit keine Chance mehr.

Dann geht es irgendwann nicht mehr darum, herauszufinden, was stimmt. mDann geht es nur noch darum, recht zu behalten. Vielleicht lässt sich Einsteins Satz deshalb für den Alltag etwas anders formulieren:

Nicht das, was ich erlebt habe, ist automatisch wahr. Meine Vorstellungen über die Wirklichkeit müssen bereit sein, sich von der Wirklichkeit prüfen zu lassen.

Und Popper würde vermutlich noch hinzufügen:

Eine Überzeugung, die unter keinen denkbaren Umständen falsch sein kann, hat keinen Test bestanden. Sie hat sich dem Test entzogen.

Das ist vielleicht kein perfektes Rezept gegen Fake News, Vorurteile und Populismus. Aber es ist ein ziemlich guter Anfang.

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